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Die KandidatInnen zur Nationalratswahl 2019 - ein Überblick

02.09.2019

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Die Erstellung von KandidatInnenlisten für bundesweite Wahlen ist ein komplexer Vorgang. Viele verschiedene Interessen müssen berücksichtigt werden und jede Partei hat dabei ihre eigenen Schwerpunkte. Umso interessanter ist es, dann das Ergebnis dieses Prozesses anzusehen: Wer hat nach dem 29. September realistische Chancen auf ein Nationalratsmandat - und warum?


Wir recherchierten 215 aussichtsreiche KandidatInnen und präsentieren nun deren Lebensläufe, Ausbildung, Haupt- und Nebenbeschäftigungen und vieles andere mehr (sofern wir diese nicht ohnehin schon hatten). Und wir haben uns angesehen, welche Gruppen in welcher Partei zum Zug kommen.




Überblick über die Fraktionen


Die ÖVP bleibt beim Frauenanteil weit unter den von ihr selbst angepeilten 50 %. Ebenfalls knapp 50 % der ÖVP-KandidatInnen sind AkademikerInnen, womit sie sich im Mittelfeld bewegen. Auffällig sind bei der ÖVP die verschiedenen Interessensgruppen, die alle fast gleich stark sind: Bürgermeister- und VizebürgermeisterInnen, Mitglieder christlicher Studentenverbindungen, Menschen mit Nähe zu Wirtschaftskammer/Industriellenvereinigung und zur Landwirtschaftskammer/Raiffeisen bzw. Landwirte. Eine der stärksten ÖVP-internen Gruppen sind übrigens jene KandidatInnen, die in den letzten fünf Jahren aus der Jungen ÖVP gekommen sind.



Die SPÖ hat von allen Parteien den zweithöchsten Anteil an Frauen auf aussichtsreichen Plätzen, nämlich knapp die Hälfte. Darüber hinaus hat mehr als ein Viertel der sozialdemokratischen KandidatInnen eine Nähe zur Gewerkschaft und/oder zur Arbeiterkammer vorzuweisen. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass von den der Gewerkschaft/AK zurechenbaren KandidatInnen nur ca. ein Fünftel Frauen sind. Der Bildungsgrad der SPÖ-KandidatInnen ist insgesamt der niedrigste aller Fraktionen, wobei jener der Männer mit einem Viertel Akademikern besonders niedrig ist, jener der Frauen liegt mit mehr als der Hälfte im Durchschnitt aller Parteien.



Die FPÖ hat mit nur einem Viertel den mit Abstand niedrigsten Frauenanteil. Ebenfalls ein Viertel der FPÖ-KandidatInnen sind Burschenschafter, unter den männlichen Kandidaten sind es sogar 4 von 10. Der Anteil an AkademikerInnen in der FPÖ ist unterdurchschnittlich, allerdings etwas höher als in der SPÖ.


Die NEOS haben knapp zwei Drittel AkademikerInnen unter ihren KandidatInnen und die Frauenquote liegt etwas unter der Hälfte.


Die GRÜNEn haben sowohl den höchsten Frauen- als auch den mit Abstand höchsten Akademiker-Anteil: Fast drei Viertel der Grünen KandidatInnen haben einen akademischen Grad.


Von den Kleinfraktionen JETZT, KPÖ und WANDL recherchierten wir nur die Spitzenleute, können daher keine statistischen Aussagen treffen.

Die Ergebnisse im Detail


Frauen

Spitzenreiter bei der Frauenquote sind wieder einmal die Grünen mit weit mehr als 50 %, gefolgt von der SPÖ mit knapp der Hälfte. Schlusslicht ist die FPÖ mit nur einem Viertel Frauen unter ihren aussichtsreichen KandidatInnen.



Die ÖVP bleibt bei der Frauenquote unter den von ihr selbst angepeilten 50 %, trotz Reißverschluss-System. Der Grund dafür ist, dass in vielen Wahlkreisen nur ein Mandat zu holen ist, und in diesen Wahlkreisen sind Männer etwa doppelt so oft Spitzenkandidaten als Frauen. Damit nützt der Reißverschluss den zweitplatzierten Frauen nichts und die Quote sinkt unter die selbst gewählte Vorgabe.


Besonders kurios ist der ÖVP-Reißverschluss im Wahlkreis Mostviertel. Dort verpflichtete sich die zweitplatzierte Andrea Blauensteiner ihr Mandat nur dann anzunehmen, wenn auch der drittplatzierte Andreas Hanger eines bekommt. Mit anderen Worten: Der Reißverschluss besteht im Mostviertel nur auf dem Papier, die Parteiangestellte Blauensteiner ist Platzhalter für einen Mann. (Quelle: NÖN und NÖN).


Bildung


Auch bei der Akademikerquote liegen die Grünen in Führung: Fast drei Viertel ihrer aussichtsreichen KandidatInnen haben einen akademischen Abschluss. Bei den NEOS sind es ca. zwei Drittel. Schlusslicht bei den AkademikerInnen ist die SPÖ mit nicht einmal 4 von 10.



Insgesamt ist auffällig, dass die weiblichen KandidatInnen über höhere Bildung verfügen als die männlichen. Fast 6 von 10 der Frauen haben einen akademischen Grad, aber nur 4 von 10 der Männer. Bei der SPÖ ist dieser Unterschied besonders drastisch zu beobachten: Nur ein Viertel der männlichen SPÖ-Kandidaten hat einen akademischen Abschluss, aber mehr als die Hälfte der sozialdemokratischen Frauen.



Die ÖVP stellt übrigens mit Juliane Bogner-Strauß und Rudolf Taschner zwei von drei Universitäts-ProfessorInnen, der dritte ist der Spitzenkandidat der KPÖ, Ivo Hajnal. Die ÖVP stellt außerdem mit Dipl.-Päd. MMag.a Dr.in Agnes Totter, BEd die einzige Fünffach-Akademikerin. Habilitiert (aber ohne Professur) ist auch SPÖ-Spitzenkandidatin Pamela Rendi-Wagner.



Die FPÖ scheint technischer ausgerichtet zu sein als die anderen Fraktionen: In ihrer Riege findet man sechs Ingenieure und einen Diplom-Ingenieur.


Studentenverbindungen

Ein knappes Sechstel der ÖVP-KandidatInnen sind Mitglieder in christlichen Studentenverbindungen (darunter drei Frauen). Damit setzt sich ein schon länger bestehender Trend fort, dass der Einfluss der Studentenverbindungen in der ÖVP tendenziell leicht sinkt. Im derzeitigen Nationalrat sind noch mehr als ein fünftel der ÖVP-MandatarInnen Mitglied einer Verbindung.


Was die Burschenschaften betrifft, so ist ihr Einfluss in der FPÖ nach wie vor sehr hoch: Mehr als ein Viertel aller FPÖ-KandidatInnen sind Burschenschafter, mittlerweile ohne Frauen. Die einzige Vertreterin einer Mädelschaft im derzeitigen Nationalrat, die Dritte Nationalratspräsidentin Anneliese Kitzmüller, kandidiert nicht mehr. Von den männlichen FPÖ-Kandidaten sind etwa 4 von 10 Mitglied mindestens einer Burschenschaft.


Ritterorden

Der "St.Georgs-Orden - Ein europäischer Orden des Hauses Habsburg-Lothringen" erhält in der kommenden Legislaturperiode prominente Verstärkung im Parlament: Sein "spiritus rector" und nunmehrige Ehrenprokurator Nobert van Handel kandidiert auf der Bundesliste der FPÖ. Voraussichtlich weiterhin im Nationalrat vertreten sind die "Ehrenritter" Norbert Hofer (FPÖ) sowie Reinhold Lopatka und Karlheinz Kopf (beide ÖVP).



Der päpstliche "Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem" ist seit dem Ausscheiden von Ex-Vizekanzler Michael Spindelegger aus der Politik nur noch durch die Ordensdame und ÖVP-Abgeordnete Michaela Steinacker im Parlament vertreten - und bleibt es wohl auch.

Kammern und Interessensvertretungen

Mehr als ein Viertel der SPÖ-KandidatInnen haben eine enge Beziehung zu Arbeiterkammer und/oder Gewerkschaft, damit ist der Einfluss der Arbeitnehmervertretungen voraussichtlich leicht steigend - in der aktuellen SPÖ-Nationalratsfraktion liegt der Anteil noch unter einem Viertel.


In der ÖVP-Fraktion ist die Nähe zu Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung in etwa gleichbleibend und liegt bei einem Sechstel der KandidatInnen. Selbiges gilt für die Nähe der KandidatInnen zu Raiffeisen und zur Landwirtschaftskammer.


Sonstige Interessensgruppen

Die Tradition, aktive Bürgermeister oder deren Vize ins Parlament zu schicken, ist mittlerweile in der ÖVP deutlich weiter verbreitet als in der SPÖ. Ein Siebentel der ÖVP-KandidatInnen sind aktive Bürgermeister oder deren Stellvertreter, bei der SPÖ ist es nicht einmal einer von zehn.


Interessant ist bei der ÖVP, dass viele Bürgermeister auch aktiv als Landwirte tätig sind, hier gibt es große Überschneidungen. Für sich genommen sind die Landwirte unter den ÖVP-KandidatInnen genauso stark wie die BürgermeisterInnen, nämlich etwa einer von sieben.


Die ebenfalls traditionell als "pressure group" im Parlament wahrgenommenen öffentlich Bediensteten sind nicht (mehr) so stark vertreten wie man glauben könnte. Bei der SPÖ ist es noch einer von neun, bei der ÖVP etwas weniger.


Last, but not least: Seit Sebastian Kurz an der Spitze der ÖVP steht ist der Einfluss der Jungen ÖVP stark gestiegen. Unter den untersuchten KandidatInnen hatte ein Sechstel innerhalb der letzten fünf Jahre eine Funktion in der JVP inne. Damit liegt die JVP innerhalb der ÖVP bereits gleichauf mit den Studentenverbindungen und ist auch etwas stärker als Bürgermeister und Bauern.

Zur Methode

Wir recherchierten die aus unserer Sicht aussichtsreichsten 215 KandidatInnen für die Nationalratswahl 2019. Diese Auswahl ist notgedrungen nicht ganz objektiv, denn Prognosen sind bekanntlich sehr schwer, wenn sie die Zukunft betreffen. :-) Wir richteten uns primär nach den Ergebnissen der Nationalratswahl 2017 (bei den Grünen auch nach jenen der Nationalratswahl 2013) sowie nach aktuellen Umfragedaten. Ob einzelne Wahlkreismandate von einer Fraktion zu einer anderen wandern ist fast nicht prognostizierbar, daher haben wir es auch gar nicht versucht. Klar ist allerdings, dass der Verlust von Wahlkreismandaten aufgrund der dann freiwerdenden Reststimmen oft zu mehr Mandaten auf den Landeslisten führen. Diesen Effekt haben wir zumindest teilweise abzubilden versucht. Kritik an unserer Auswahl stellen wir uns gerne, ersuchen aber, dabei unsere redaktionelle Freiheit zu berücksichtigen.


 

Uns ist klar, dass unsere Prognose nur zu 80-90 % stimmen wird. Die Recherche jener Dossiers, die wir jetzt übersehen haben, sowie die Aktualisierung der Statistiken erfolgt dann nach der Konstituierung des neuen Nationalrates bzw. nach der Regierungsbildung.


Die Ungenauigkeit der Vorhersage ist auch der Grund dafür, dass wir in den Statistiken nur Größenordnungen und keine genauen Prozentzahlen angeben - denn das wäre sinnlos. Die exakten Zahlen liefern wir dann nach dem amtlichen Endergebnis.

 

Bildnachweis: "1010 Hofburg - Temporäres Parlament - Erzherzog Carl-Denkmal IMG 2133" by  Ewald Judt, CC BY 4.0

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